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Eventregie in diesen Zeiten – worauf kommt es an? Interview mit Eventregisseur und Mutmacher Chris Cuhls

Foto: privat

(Berlin, 09. Februar 2022)

Chris Cuhls aus Köln ist international als Eventregisseur und Konzeptioner für Firmenevents tätig. Gelernt hat er sein Handwerk als Aufnahmeleiter in der ehemaligen TV-Show „Wetten, dass..?“. Nach seinem Medienmanagement-Studium arbeitete er zunächst drei Jahre für ein Bertelsmann Musiklabel, bevor er sich 2010 selbständig machte. Außerdem verfasste er ein Inszenierungs-Fachbuch sowie das Inspirationswerk zum Thema Begegnung. Gerade neu erschienen ist das Fachbuch WHY HOW WOW – What’s Next? zu Online-Events. Darüber hinaus ist er Co-Gründer des Netzwerks event-regisseure.de. Im Interview mit Simone Blaschke erläutert er das Berufsbild des Eventregisseurs, die Einsatzmöglichkeiten für Unternehmen und die aktuelle Lage in der Branche.

 

VDVO: Herr Cuhls, Sie sind gefragter Eventregisseur für Corporate Events, also in erster Linie für große Unternehmen tätig. Was beinhaltet dieser Beruf, wie unterstützen Sie Unternehmen bei der Planung und Durchführung von Veranstaltungen?

Chris Cuhls: Der Job des Eventregisseurs ist sehr facettenreich. Von Kommunikation über Psychologie zur Wirkung: Das Gespür für den Moment sowie mein Gegenüber ist ebenso wichtig wie die Kreativität in der Umsetzung. Wir sind spezialisierte Allrounder. Der Blick für das große Ganze, aber auch die Details sind wichtig, um dann mit Ruhe Events auf den Punkt zu bringen. Mein Handwerkszeug ist dabei die Inszenierung. Für mich ist das die Kombination aus zwei Dingen: Inhalt (Kunde) und Verpackung (meine Leistung). Dabei greife ich auf die Erkenntnisse von Dramaturgie und Storytelling zurück. Natürlich hilft bei all dem die langjährige Erfahrung. Dieses Video vermittelt einen kleinen Einblick in meine Arbeit.

Was zu Beginn eines jeden Projekts steht, ist für mich die Kernfrage der Kommunikation: »Welche BOTSCHAFT soll welche ZIELGRUPPE über welche KANÄLE erreichen, damit welche WIRKUNG erzielt wird?« Wenn das Ziel definiert ist, kann ich mit dem gesamten Eventteam die Show, den Stream oder die Konferenz dahingehend gestalten. Letztlich will ja jeder – vom Kunden bis zum Techniker – mit seiner Arbeit Resonanz erzeugen.

 

"Theoretisch ist das alles ganz einfach – in der Praxis ist es doch oft recht komplex."

 

Chris Cuhls: Als Eventregisseure schlagen wir die Brücke zwischen den Protagonisten auf der Bühne, den kreativen Ideen des Konzepts (ob von Kunde oder Agentur) bis zu den umsetzenden Technikern. Dabei gestalten wir eindrucksvolle Momente, um die Show für den Veranstalter wie die Gäste perfekt wirken zu lassen. Letztlich geht es mir aber darum, Zuschauer zu Teilnehmenden zu machen und emotional zu erreichen. Was mich jedes Mal wieder neu kitzelt: Dass es LIVE ist!

 

VDVO: Sie haben unter anderem als Aufnahmeleiter für „Wetten, dass..?“ gearbeitet, beraten Unternehmen und Agenturen bei der Konzeption von Events, schreiben Fachbücher. Wie hat sich die Branche in den letzten Jahren (vor Corona) gerade im Hinblick auf technische und digitale Fortschritte entwickelt?  

Chris Cuhls: Im Studium habe ich Neil Postman gelesen: „Ohne konkrete Symbole ist der Computer bloß ein Haufen Schrott.“ Das dient als Metapher: Natürlich hat sich durch Digitalisierung die ganze Branche massiv verändert. Aber es ist schon wie im Studium: Die neueste Kamera macht keinen besseren Film. Es kommt darauf an, wie wir die Technik einsetzen. Um Resonanz zu erzeugen, braucht es zuallererst eine Idee und Menschen, nicht Roboter und AI.

Natürlich hat sich auch die Aufmerksamkeitsspanne bei Menschen verändert. Studien spekulieren damit, dass sie in Zeiten von Social Media bei 8 Sekunden liegt. Das wäre eine Sekunde weniger als die des oft bemühten Goldfisches. Aber ja, auch die Eventwelt dreht sich schneller. Manche Technologie hat zum Glück Einzug gehalten. Unserer Umwelt tut es gut, dass es statt Stufenlinsen energiesparendere LED Lampen gibt – bei gleichzeitig vielfältigeren Möglichkeiten der kreativen Nutzung. Dass Daten gemessen und ausgewertet werden können, ermöglicht ganz neue Spielräume. Davon hätten wir damals bei den Stadtwetten von „Wetten, dass..?“ nur geträumt. Ob wir uns wirklich im Metaverse virtuell treffen wollen, hängt wohl von der Gewöhnung ab. SecondLife ist implodiert, ich glaube aber dass die Zeit reif ist für virtuelle Welten.

Kürzlich besuchte ich das Futurium in Berlin. Die Ausstellung kann ich nur empfehlen, denn auf das Zusammenspiel von Natur, Technik und Mensch kommt es an. Dann kann digitales Neuland entstehen, welches analoges Gemeinwohl schafft. Ich denke, wir sollten die Möglichkeiten nutzen, aber auch immer wachsam sein, wohin uns der Fortschritt führt.

 

"Durch die Digitalisierung hat sich die Branche massiv verändert."

 

VDVO: Durch Corona wurde und wird die Veranstaltungsbranche noch immer ganz schön durchgerüttelt. Gerade werden wieder viele Live-Events abgesagt. Wie ist die aktuelle Lage in Ihrem beruflichen Kontext?

Chris Cuhls: Covid-19 stellt eine Zäsur da. Ich leide mit allen Kolleg:innen, die trotz ihrer Leiden(sbereit)schaft zu einer Umorientierung gezwungen wurden, weil es einfach keine Perspektive mehr gab! Gleichzeitig wurde manchem Event das „höher, schneller, weiter“ entzogen. Das ist gut. Müssen Autohändler durch die Welt jetten, um das neue Facelift-Modell kennen zu lernen? Stichwort Nachhaltigkeit: Was werden unsere Enkel dazu sagen? Dabei wussten wir es faktisch auch schon vor Corona besser!

Natürlich ist die Pandemie herausfordernd, und das gleich auf mehreren Ebenen. Routinen greifen nicht mehr, Konzepte müssen umgeplant oder komplett neu erdacht werden – all das kostet Zeit und Kraft. Nicht selten habe ich mich selbst in den letzten zwei Jahren gereizter als zuvor erlebt. All das fordert seinen Tribut und wir müssen miteinander gnädig umgehen.

 

"Ein bisschen ist es wie im Wilden Westen.

 

Dennoch ergeben sich auch neue Möglichkeiten, die es zu entdecken gilt. Wer sich früh entschieden hat, statt zu jammern, die Herausforderung anzunehmen, konnte sogar Neues schaffen. Ein bisschen ist es wie im Wilden Westen: Neuland entdecken. Alles ist möglich, es gibt keine (physischen) Grenzen mehr. Die Bühnen können komplett neu gedacht werden! In mir weckt das Hoffnung und Gestaltungsdrang.


VDVO: Was können Sie einerseits Ihren KollegInnen, aber auch den Veranstaltungsplanenden in Unternehmen aktuell mit auf den Weg geben? Haben Sie einen „Besserwisser“-Tipp, diese wirtschaftlich herausfordernden Zeiten bestmöglich anzugehen und dieses Jahr optimistisch anzugehen?

 

Chris Cuhls: Was es jetzt braucht, ist MUT. Mit Mut das Neue umarmen, Altes einfach mal sein lassen. Einlassen, entdecken und experimentieren, dann kann Wunderbares entstehen! Möglicherweise wird es sogar besser, nachhaltiger und schöner als das, was wir kennen? Wie eine befreundete Kölner Agentur es auf den Punkt brachte: #veranstaltetNEUES. Inspiration dazu rund um Online-Events bietet mein gerade erschienenes Buch WHY HOW WOW – What’s Next?, basierend auf 33 Podcastgesprächen.

VDVO: Herr Cuhls, danke für das Interview und die Tipps für die Branche und Veranstaltungsplanende, um mit Mut und Kreativität nach vorne zu schauen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: privat